Arrhythmogene Rechtsventrikuläre Kardiomyopathie
Dr. Lisa Keller, Diplomate ACVIM (Cardiology)

Meine Katze hat eine Arrhythmogene Rechtsventrikuläre Kardiomyopathie (ARVC)!

Was heißt das?

Die ARVC ist eine seltene erworbene Herzerkrankung bei Katzen. Diese Erkrankung ist ebenfalls beim Menschen und bei Boxerhunden beschrieben. Es handelt sich bei der ARVC um eine Herzmuskelerkrankung die vor allem die rechte Herzhälfte betrifft. In manchen Fällen kann die linke Herzhälfte mitbetroffen sein. Bei der ARVC kommt es dazu, dass der Muskel der rechten Herzhälfte nicht mehr richtig pumpt, das rechte Herz vergrößert sich sehr stark und es kommt zu schweren Herzrhythmusstörungen. Die Herzmuskelschwäche führt dazu, dass das rechte Herz das Blut nicht ausreichend in den Lungenkreislauf pumpen kann, es staut sich zurück in den Körperkreislauf. Im Spätstadium kommt es dadurch zu Wasseransammlungen in der Bauchhöhle (Aszites). Dies äußert sich in einer Zunahme des Bauchumfangs. Außerdem kann es aufgrund von Wasseransammlungen in der Brusthöhle (Thoraxerguss) zu Atemnot kommen. Oben genannte Herzrhythmusstörungen (zu langsamer oder zu schneller Herzschlag) können zu Ohnmachtsanfällen führen.

Warum hat meine Katze eine ARVC?

Die ARVC ist eine erworbene Herzerkrankung, das heißt, dass sie sich im Laufe des Katzenlebens entwickelt. Die Ursache der ARVC ist bei Katzen nicht endgültig geklärt. Eine mögliche Theorie ist, dass sich die ARVC aus einer Herzmuskelentzündung entwickeln kann. Beim Menschen hat die ARVC oft eine genetische (vererbte) Grundlage.

Was passiert im Verlauf der Erkrankung? - Schweregrade und Stadien der ARVC

Zu Beginn der Erkrankung zeigt die Katze keine Symptome. Die Krankheit kann nur mittels Ultraschall und EKG sicher diagnostiziert werden. Die Katze erscheint für den Besitzer gesund, eventuell kann der Tierarzt ein Herzgeräusch feststellen, dies ist jedoch nicht immer der Fall. Ein Herzgeräusch bei der Katze muss auch nicht in jedem Fall ein Hinweis auf eine Herzerkrankung sein. Einige gesunde Katzen zeigen „gutartige“ Herzgeräusche, die jedoch nur mittels eines Herzultraschalls von einer Herzerkrankung zu unterscheiden sind.

 

Als Spätstadium schließt sich die symptomatische Phase der ARVC an. Bei vielen Katzen wird die Erkrankung erst in diesem Stadium diagnostiziert da in vielen Fällen weder ein Herzgeräusch auffällt noch die Katze im Frühstadium für den Besitzer wahrnehmbare Symptome zeigt. Der Körper kann in dieser Phase die Erkrankung nicht mehr kompensieren. Der Herzmuskel pumpt aufgrund der ARVC sehr schwach, dadurch kann das Herz das aus dem Körperkreislauf kommende Blut nicht mehr aufnehmen. Es kommt zum Rückstau von Blut aus dem Herz in den Körperkreislauf. Dies führt zu Wasseransammlungen in der Brusthöhle (Thoraxerguss) und/oder Bauchhöhle (Aszites). Bei einem Thoraxerguss zeigen die Patienten schwere Atemnot, bei Aszites wird der Bauchumfang der Katze deutlich größer. Manche Patienten zeigen Ohnmachtsanfälle, diese sind in der Regel durch Rhythmusstörungen bedingt. Fallen die genannten Symptome auf, sollte sofort ein Tierarzt aufgesucht werden um mittels einer geeigneten Therapie die Katze zu stabilisieren (s. unter „Was tue ich im Notfall“).

Ab diesem sog. „symptomatischen“ oder „dekompensierten" Stadium ist in jedem Fall eine Dauertherapie notwendig. Diese wird individuell auf Ihre Katze zugeschnitten und sollte nur in Rücksprache mit Ihrem Kardiologen/Ihrer Kardiologin geändert werden. Studien haben gezeigt, dass die Prognose in diesem späten Stadium leider als sehr vorsichtig anzusehen ist. Die mittlere Überlebenszeit in diesem Stadium beträgt ca. 1 Monat. Dies kann individuell stark variieren, abhängig vom Ansprechen auf Medikamente, der Schwere der Krankheit sowie dem Auftreten von Komplikationen.

Was sind Symptome der ARVC?

Symptome der Erkrankung treten meist erst im Spätstadium auf. In der Regel kommt es zu einem Thoraxerguss (= Wasseransammlung in der Brusthöhle). Hierbei zeigt die Katze akute Atemnot, die auch schnell schlechter werden kann. Weitere Symptome können Aszites (Wasseransammlung im Bauchraum, dabei wird der Bauchumfang deutlich größer), Ohnmachtsanfälle (durch Herzrhythmusstörungen bedingt) oder Leistungsschwäche (durch Herzrhythmusstörungen oder schlechte Herzleistung bedingt) sein.

Merke: Hecheln bei der Katze ist nicht normal!!! Es dient nicht wie beim Hund dem Wärmeausgleich!!! Hecheln/Maulatmung ist ein Zeichen von Atemproblemen und nicht physiologisch bei Katzen!!!

Wie erkenne ich einen Notfall? Was tue ich im Notfall?

Ein Notfall bei einer Katze mit ARVC ist auf alle Fälle jeder Zustand mit akuter Atemnot (durch einen Thoraxerguss bedingt). Besonders bei Patienten mit hochgradiger ARVC kann Atemnot ein Zeichen eines Thoraxergusses sein. In diesem Fall sollten Sie möglichst schnell einen Tierarzt aufsuchen. Dieser sollte mittels Röntgen (oder handelt es sich um einen Kardiologen auch mittels Ultraschall) feststellen, ob ein Thoraxerguss vorliegt. Ist dies der Fall, muss Ihre Katze eventuell stationär aufgenommen und intravenös behandelt werden. Zur Beseitigung eines Thoraxergusses oder Aszites ist ggf. die Punktion der Brust- bzw. Bauchhöhle notwendig. In weniger ausgeprägten Fällen kann auch eine ambulante Therapie durchgeführt werden.

Zeigt Ihre Katze Ohnmachtsanfälle (insbesondere wiederholte Ohnmachtsanfälle) – meist infolge von Herzrhythmusstörungen – sollte ebenfalls möglichst bald ein Tierarzt kontaktiert werden. Schwere Herzrhythmusstörungen können zum plötzlichen Herztod führen.

Ab wann macht eine Therapie der ARVC Sinn?

Wird die Erkrankung in einem frühen, nicht symptomatischen Stadium diagnostiziert, ist in der Regel keine Therapie notwendig. Ggf. sollten Herzrhythmusstörungen mit entsprechenden antiarrhythmisch wirksamen Medikamenten behandelt werden. Ansonsten gibt es keine anerkannte Therapie in diesem Stadium.

Die Entscheidung zur Therapie obliegt der Einschätzung Ihres Kardiologen/Ihrer Kardiologin. Im symptomatischen Stadium, also sobald Ihre Katze zum ersten Mal einen Thoraxerguss oder Aszites hatte, sollte Ihre Katze in jedem Fall behandelt werden. In der Regel besteht die Behandlung aus einem entwässernden Medikament (Furosemid) und einem kreislaufunterstützenden Medikament (ACE Hemmer). Liegen Herzrhythmusstörungen vor, müssen diese mittels Antiarrhythmika behandelt werden. In seltenen Fällen kann es notwendig sein, Wasseransammlungen in der Brust- oder Bauchhöhle zu punktieren. Individuell kann die Therapie Ihrer Katze von diesen grundlegenden Prinzipien abweichen. In jedem Fall wird Ihre Katze nun dauerhaft therapiert werden müssen.

Was kann ich für meine Katze tun?

Das wichtigste für Ihre Katze ist: sie soll eine gute Lebensqualität haben! Das heißt: Alles was Ihrer Katze Spaß macht, soll sie auch tun. Von dieser Regel gibt es leider ein paar Ausnahmen. So sollte Ihre Katze zum Beispiel möglichst keine salzigen Speisen vom Tisch zu fressen bekommen, da zu viel Salz Herzpatienten schaden kann. Ihre Katze sollte nicht zu anstrengenden körperlichen Aktivitäten motiviert werden.

Sie sollten sich außerdem angewöhnen, die Ruheatemfrequenz Ihrer Katze zu ermitteln (ein Heben und Senken des Brustkorbs = 1 Atemzug). Diese sollte über eine Minute gezählt werden wenn Ihre Katze in Ruhe ist (am Besten im Schlaf). Die Ruheatemfrequenz sollte unter 45/Minute liegen. Steigt die Ruheatemfrequenz dauerhaft an, kann dies ein Anzeichen eines beginnenden Thoraxergusses sein. In diesem Fall sollten Sie Ihren Tierarzt kontaktieren.

Desweiteren sollte Ihre Katze in regelmäßigen Abständen nachuntersucht werden damit Ihr Kardiologe/Ihre Kardiologin das Fortschreiten der Erkrankung beurteilen und ev. therapeutisch einschreiten kann. Die Untersuchungsintervalle richten sich nach dem Schweregrad, diese teilt Ihnen Ihr Kardiologe/Ihre Kardiologin mit.

Welche Komplikationen kann es geben?

Im Verlauf der Erkrankung kann das Herz Ihrer Katze sehr groß werden. Insbesondere die rechte Vorkammer nimmt in späten Krankheitsstadien sehr stark an Größe zu. Da in dieser vergrößerten Herzkammer der Blutfluss verlangsamt ist, kommt es darin zur Blutgerinnselbildung. Dies wiederum kann zur Abschwemmung so eines Blutgerinnsels in die Lungenarterien führen (pulmonäre Thrombembolie). Dies äußert sich in akuter, manchmal schwerer Atemnot. Dies sollte sofort mittels Röntgen weiter abgeklärt und entsprechend therapiert werden. Die Prognose richtet sich nach dem Schweregrad einer solchen Thrombembolie. Um dieser Komplikation vorzubeugen, ist es in manchen Fällen sinnvoll ein gerinnungshemmendes Medikament zu verabreichen. Hinweise für eine möglicherweise auftretende Thrombembolie sind eine massiv vergrößerte rechte Vorkammer oder eine beginnende Gerinnselbildung im Ultraschall.